Schon seit Beginn meiner Regenbogenbeobachtungen war ich immer davon fasziniert, diese Erscheinung künstlich nachzustellen. Mit einem Gartenschlauch oder Zerstäuber zum Blumengießen funktioniert das auch ziemlich hübsch, schwierig wird es aber, wenn die Ansprüche steigen und man die Tropfen auf eine wohldefinierte Ebene einschränken will. Genau das ist aber für die Untersuchung der interessanten Effekte im divergenten Licht erforderlich, und die naheliegendste Möglichkeit ist, die Tropfen dazu auf einer horizontalen Unterlage abzusetzen.
Praktisch ist es aber schwierig, ein geeignetes Material für diese Unterlage zu finden, da die Benetzung selbst auf hydrophoben Stoffen wie Paraffin so stark ist, daß man kaum über einen Kontaktwinkel von 90° hinauskommt. Damit bekommt man eine Ansammlung von Halbkugeln, in denen kein Taubogen zu beobachten ist - man braucht immer auch ein wenig kugelförmigen „Unterbau“, was klar wird, wenn man sich den Strahlengang im Tropfen vorstellt. Man muß also entweder künstlich hergestellte ultrahydrophobe Oberflächen verwenden bzw. die unter dem Namen „Lotuseffekt“ verkauften Produkte testen, oder man greift auf die Natur selbst zurück. Wer es ganz bequem haben will, braucht natürlich nur ein paar Glasstrahlperlen auszustreuen, aber für „natürliche“ Winkelverhältnisse führt nunmal kein Weg am Wasser vorbei.
Da ich keinen Lotus in Reichweite hatte, habe ich mit naheliegenderen Kandidaten experimentiert und die besten Ergebnisse auf den Unterseiten von Rosenblättern erhalten, die ich in den letzten zwei Wochen noch in gutem Zustand pflücken konnte. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß andere Pflanzen noch besser geeignet sind, da der Lotuseffekt gar nicht so selten auftritt. Jedenfalls ist es möglich, mit einem Zerstäuber sowohl feine als auch mehrere Millimeter große Tropfen auf dem Rosenblatt abzusetzen, je nachdem an welche Stelle des Strahls man das Blatt hält. Da die großen Tropfen aber durch ihr Eigengewicht elliptisch verformt werden, kann man nur mit den kleinen ein deutliches Taubogenband erzeugen:


Das Foto gibt den natürlichen Eindruck allerdings nur unvollkommen wieder, trotzdem ist der Bogen auf dem Blatt erkennbar. Ich habe hier wie schon bei den Glasperlen die Geometrie des Reversen Bogen ausgenutzt, weil dabei der Ring und das Farbband (aus der Beobachtersicht) beliebig schmal gemacht werden können. Die Rosenblätter sind immerhin nur einige Zentimeter groß. Die Lichtquelle (ähnlich einer Fahrradglühbirne) wurde durch ein quadratisches Pappstück nach hinten abgeschirmt, man sieht im oberen Teil des Bildes den Widerschein am Einschnitt des Quadrats.
Hält man sich ein Blatt mit größeren Tropfen jedoch unmittelbar vor das Auge, erscheinen in den Tropfen regenbogenartige Farbbänder mit unglaublich zahlreichen Interferenzbögen, aber die Bänder verschiedener Tropfen ergänzen sich wegen der unterschiedlichen Deformation nicht zu einem kollektiven Bogen:


Hierfür mußte ich allerdings schon ziemlich starke Ausschnittsvergrößerungen vornehmen, daher sieht man das Filmkorn und einige Kratzer auf dem Träger schon ziemlich deutlich. Entscheidend ist, daß nicht auf den Tropfen fokussiert wird. Daher auch die sechseckige bzw. runde Begrenzung, die der Blendenform entspricht.
Um die Sache abzurunden, habe ich in einer kühlen Nacht nach einem echten Taubogen auf diesen Blättern gesucht - und gefunden. Möglicherweise haben die diese Tropfen auch etwas mit dem Flüssigkeitsaustausch der Pflanzen zu tun. Wegen der „behutsamen“ natürlichen Absetzung war die Gleichmäßigkeit auch derartig hoch, daß ein deutlicher erster Interferenzbogen zu sehen war. Die zugehörigen Bilder sind aber noch auf dem aktuellen Film in der Kamera.
Viele Grüße,
Alex.