Beitrag
von Bertram Radelow » 8. Okt 2010, 23:08
hi Udo,
obwohl ich nicht gefragt bin, erlaube ich mal meine Sicht der Dinge zum Thema HDR darzustellen.
"Früher" hat man bei der Gradation ("hart" oder "weich") zwei Mal die Wahl gehabt, einmal beim Fotografieren mit der Filmwahl und einmal beim Abzugerstellen mit der Papierwahl.
"Weiche" Filme und Papiere konnten einen enormen Kontrast verarbeiten, aber die Mittelbereiche (z.B. Waldflächen) wurden strukturarme Flächen.
"Harte" Filme und Papiere lieferten kontrastreiche Bilder, waren aber in Extremsituationen unbrauchbar. Solche Situationen sind z.B. Hochgebirge mit fast weltraumähnlicher Helligkeit.
Ein legendärer weicher Diafilm war der Kodachrome 50 ASA, dem ich immer noch nachtrauere. Gebirgsaufnahmen mit ihm waren einfach eine Wucht.
Filme hatten ausserdem eine S-förmige Gradationskurve, das heisst, dass die Extremwerte gegen schwarz oder weiss nicht im wirklichen schwarz oder weiss "abgesoffen" sind, wie man heute sagt, sondern sozusagen abgefedert wurden.
und dann kam digital....
__________________________________
Heutige Digital-SLRs in der "Consumer"-Preisklasse gehen nach dem Kundengeschmack: selbst in bescheidenen Situationen soll alles kontrastreich, bunt und scharf sein, selbst wenn es gar nicht so war. Die Sensorchips sind von der Gradation her brutal hart, und vor allem fehlt ihnen der "S-Schlag", der die Randbereiche der Helligkeit abfedert. Wie Claudia sagte: Das Nebelmeer wäre sonst abgesoffen...
Die Härte der heutigen Digital-SLRs und darunter ist für uns Haloten von Vorteil: es sind ja manchmal recht kontrastarme Gebilde, die wir am Himmel sehen - aber wehe wir wollen damit etwas Extremes fotografieren wie Himmel in den Bergen und fast nachtschwarze Täler in extrem klarer Luft nach Durchzug einer Kaltfront!
__________________________________
Ich war nicht der einzige, der sich darüber geärgert hat. Wie bekomme ich meinen knallharten Kameraprügel weichgekocht? Ich mache drei Bilder: 1x unterbelichtet, 1x normal belichtet (was auch immer das sei), 1x überbelichtet. Diese drei Bilder werden additiv überlagert und schon habe ich den Weichmachereffekt: In den ganz dunklen Zonen werden Strukturen sichtbar, und in den ganz hellen, die vorher Klementine-Weiss wären, auch. Das nennt man HDR.
__________________________________
Der ganze Scheiss ist nur nötig, weil die Kamerahersteller
a) Angst hatten, Kameras abzuliefern, die die Bilder NICHT "verbessern"
b) den Kunden für zu blöd hielten, die Problematik zu verstehen.
Es müsste STOCKSIMPEL sein, in den Kameras einen Menüpunkt einzubauen wie bei Fotopapieren: "extrahart/hart/normal/spezial (oder wie das hiess, irgendwas mit 's')/weich"
__________________________________
Und dann kamen Video-/Foto-Kameras wie die GoPro Hero HD mit extrem "weichen" Chips, die mit den extremen Kontrastunterschieden supergut zurecht kommen, mit einem klitzekleinen Nachteil...: Feinste Helligkeits- oder Farbunterschiede gehen verloren. Und genau das ist leider ein Nachteil wenn es um die Halobeobachtung geht.
__________________________________
HDR ist also eine aufwändige Krücke um die "Einschränkungen" zu umgehen, die die Ausrichtung der Kamerahersteller am Massenmarkt zur Folge habt.
Selbst wenn ich bei meiner Nikon D-60 alle "Bildverbesserungen" und Schärfungen abschalte, haben dunkle Objekte vor mittelhellem Hintergrund einen weissen Schärfungssaum. Eine bodenlose Frechheit.
__________________________________
Genug Frust abgelassen. Aber die Hero HD wird den Kameramarkt schon etwas aufmischen. Leiderleiderleider hat sie keine Langzeitbelichtung für dunkle Situationen.
Bertram