vergangenen Sommer wurde im Zusammenhang mit einer umstrittenen Publikation diskutiert, dass die NLC-Häufigkeit trotz solarem Maximum erstaunlich hoch sei und somit andere Einflüsse, namentlich Raketenabgase, eine Rolle spielen müssten (s. viewtopic.php?f=2&t=10559). Nun ist das aktuelle Maximum der Sonnenaktivität ja nicht sonderlich hoch. Anders war das im vorletzten Sonnenfleckenzyklus, welcher bekanntlich eine enorm hohe Aktivität entfaltete. Da seit 1991 systematische Beobachtungen von NLCs vorliegen, lohnt es sich vielleicht, die frühen Saisons (1991 - 1994) des heute vor allem von den Forumsmitgliedern des AKM getragenen Programms genauer zu betrachten.
Einführung
Seit der Entdeckung der Leuchtenden Nachtwolken im Jahr 1885 hatte es 5 Zeiträume gegeben, in denen Sie in Mitteleuropa systematisch beobachtet worden waren: 1885 - 1897 durch Otto Jesse, 1956 - 1965, 1967 - 1976, 1982 und 1988 jeweils durch Wilfried Schröder (s. http://verplant.org/history-geophysics/ ... /index.htm). 1990 hatte Wilfried Schröder eine neues Beobachtungsprogramm initiiert, welches aber erst 1991 richtig in Gang kam. Jetzt wurden erstmals auch eindeutig negative Beobachtungen registriert. Somit markiert 1991 den Beginn der bis heute durchgehend ausgeführten modernen NLC-Beobachtungen. Im Laufe der Jahre nahm die Zahl der Beobachter stetig zu, ab 1995 kann man von einer flächendeckenden Erfassung sprechen. Allerdings wurden in den frühen Jahren Horizonthöhe und Helligkeit der NLC-Displays noch nicht durchgehend aufgezeichnet.
Die Saison 1991
Von flächendeckender Erfassung konnte 1991 noch nicht die Rede sein; 9 der 10 Nachweise stammen vom gleichen Beobachtungsort (Potsdam) und gehen offenbar alle auf Jürgen Rendtel zurück (Übersichtstabelle der Saison 1991). Angesichts der sehr hohen Sonnenaktivität in den Jahren 1989 - 1991, die auch zu zahlreichen Polarlichtern über Deutschland führte, ist die eher geringe Zahl der NLC-Beobachtungen im Jahr 1991 aber wahrscheinlich nicht nur auf die fehlende Beobachterdichte zurück zu führen.

Die Saison 1992
Zu Beginn der Saison 1992 wurde in der Mitgliederzeitschrift des AKM ein Aufruf zur Beobachtung von NLCs veröffentlicht (Rendtel 1992), um das angestrebte Beobachter-Netzwerk auszubauen. Doch der Sommer jenes Jahres verlief für die Aktiven im AKM frustrierend - in Deutschland gelang keine einzige Sichtung Leuchtender Nachtwolken (s. http://verplant.org/history-geophysics/ ... s_tab2.htm), obwohl in 38 Nächten Beobachtungsversuche unternommen wurden (Rendtel & Schröder 1994). Auch Mario Lehwald, der in der 1990er-Jahren im Raum Kiel systematisch nach NLCs Ausschau hielt (Fotosammlung: http://www.seewetter-kiel.de/fotonlc/nlc_01.htm), konnte im Sommer 1992 keinen Erfolg verbuchen. Natürlich mag die noch geringe Beobachterdichte eine Rolle bei der "Nullrunde" gespielt haben, doch die eigentliche Ursache dürfte in der hohen Sonnenaktivität der Jahre 1989 - 1991 zu suchen sein. Aus Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden wurden lediglich in 12 Nächten zweifelsfrei zumeist schwache NLCs gemeldet (Gavine 1996).
Literaturangaben:
Gavine, David (1996): Noctilucent Clouds over Britain and Western Europe, 1992-1994. J.Br. Astron. Assoc. 106 (5), 285-286.
Rendtel, Jürgen (1992): Leuchtende Nachtwolken - Die Saison hat begonnen. Mitteilungen des AKM 134, 9-10.
Rendtel, Jürgen & Schröder, Wilfried (1994): Beobachtungen Leuchtender Nachtwolken in den Jahren 1988-1993. Die Sterne 70, 132-139
Die Saison 1993
Im Jahr 1993 kam das Beobachtungsprogramm vor allem durch den Einsatz von AKM-Mitgliedern allmählich in Schwung, die Beobachtungen beschränkten sich nicht mehr nur auf Potsdam (Übersichtstabelle der Saison 1993), obwohl dort die weitaus meisten Nachweise erfolgten. Diese wurden zunächst im Vereinsblatt (Rendtel 1993a, b, c, 1994), später auch in der Astronomie-Zeitschrift "Die Sterne" veröffentlicht (Rendtel & Schröder 1994). Daneben wurden sie erstmals auch an den Compilator der westeuropäischen NLC-Beobachtungen gemeldet, die dadurch eine wertvolle Ergänzung erhielten (Gavine 1996). In der online verfügbaren Version fehlen einige Beobachtungen. Neben einem zusätzlichen Nachweis durch Mario Lehwald wurde später noch eine weitere Beobachtung in der Zeitschrift Sterne und Weltraum veröffentlicht (Schirmer 1994). Diese war wichtig, denn dadurch wurde ein typischer "Outbreak" von NLC um die Monatswende Juni/Juli 1993 besser belegt. NLCs traten in dieser Phase nicht nur in mehreren Nächten nacheinander auf, sondern waren z.T. auch hell bis sehr hell. Insgesamt konnten Leuchtende Nachtwolken in der Saison 1993 in Deutschland in 11 Nächten nachgewiesen werden.
Der Begriff "Outbreak" für Zeitabschnitte, in denen in mehreren Nächten nacheinander z.T. auffällige NLCs beobachtet werden, wurde offenbar erstmals von dem Astronomie-Journalisten Daniel Fischer während der Saison 2009 benutzt, ohne jenen näher zu definieren. Als "Outbreak" seien daher hier Phasen bezeichnet, in denen in mindestens 3 aufeinanderfolgenden Nächten NLCs beobachtet werden und in denen mindestens 2 Nächte helle oder sehr helle Displays (Helligkeit 4 oder 5) bringen.

Literaturangaben:
Gavine, David (1996): Noctilucent Clouds over Britain and Western Europe, 1992-1994. J.Br. Astron. Assoc. 106 (5), 285-286.
Rendtel, Jürgen (1993a): Leuchtende Nachtwolken. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 147, 8.
Rendtel, Jürgen (1993b): Leuchtende Nachtwolken 1993. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 148, 5.
Rendtel, Jürgen (1993c): Beobachtungen Leuchtender Nachtwolken 1993. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 151, 12.
Rendtel, Jürgen (1994): Über Leuchtende Nachtwolken. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 5/1994, 17-20
Rendtel, Jürgen & Schröder, Wilfried (1994): Beobachtungen Leuchtender Nachtwolken in den Jahren 1988-1993. Die Sterne 70, 132-139.
Schirmer, Jörg (1994): Leuchtende Nachtwolken über Fredenbeck am 30. Juni 1993. Sterne und Weltraum 6/1994, 459
Die Saison 1994
Das vom AKM betriebene Beobachtungsprogramm nahm im Jahr 1994 weiter Schwung auf; in Rendtel (1994b) werden 10 Teilnehmer aufgezählt, von denen 5 Erfolgsmeldungen verbuchen konnten. Das Gros der Sichtungen kam nach wie vor von Jürgen Rendtel aus Potsdam. Insgesamt wurden 1994 in 13 Nächten NLCs aus Deutschland gemeldet (Übersichtstabelle der Saison 1994). Helle Displays wurden am 23./24.06., am 02./03.07. und am 11./12.07.1994 verzeichnet; insbesondere letztgenanntes muss sehr beeindruckend gewesen sein (Foto von Sirko Molau). Die im Vergleich zum Vorjahr gesteigerte NLC-Aktivität wurde damals bereits mit dem näher rückenden Minimum der Sonnenaktivität in Zusammenhang gebracht. Die Saison 1994 ist durch mehrere Publikationen sehr gut dokumentiert, doch gibt es in den Veröffentlichungen einige Widersprüche:
So wurden zeitnah veröffentlichte Meldungen von NLC-Meldungen in Potsdam am 07./08. und 10./11.06.1994 (Anonymus 1994b) in der später erstellten Saisonübersicht (Rendtel 1994b) nicht mehr erwähnt. Dafür taucht dort eine Angabe für den 02./03.05.1994, (ebenfalls aus Potsdam) auf, welche zuvor nicht genannt worden war (Anonymus 1994a). Sie fehlt aber wiederum in der Aufstellung von Gavine (1996). In der offenbar erst einige Jahre später erstellten Online-Übersicht ist eine Beobachtung (erneut Potsdam) aus der Nacht 10./11.07.1994 aufgeführt, welche in allen vorhergehenden Publikationen nichtzu finden ist.
Die Vermutung, dass Übertragungsfehler und/oder nachträgliche Einstufungen als Fehlbeobachtungen (Zirren!) hier eine Rolle spielen, liegt nahe. In der Übersichtstabelle habe ich alle 4 fraglichen NLC-Nächte nicht berücksichtigt.

Literaturangaben:
Anonymus (1994a): Leuchtende Nachtwolken im Mai 1994. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 6/1994, 10.
Anonymus (1994b): Leuchtende Nachtwolken im Juni 1994. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 7/1994, 11-12.
Gavine, David (1996): Noctilucent clouds over Britain and Western Europe, 1992-1994. J.Br. Astron. Assoc. 106 (5), 285-286.
Rendtel, Jürgen (1994a): Leuchtende Nachtwolken im Juli und August 1994. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 8/1994, 15.
Rendtel, Jürgen (1994b): Leuchtende Nachtwolken - Sommer1994. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 9/1994, 20-21.
Viele Grüße aus Bonn,
Stefan