Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Forum für Halo-Erscheinungen, Regenbögen, Blitze und alle anderen Lichterscheinungen, die neben Polarlichtern in der Erdatmosphäre auftreten.
Antworten
Benutzeravatar
Reinhard Nitze
Beiträge: 986
Registriert: 15. Jan 2004, 18:09
Wohnort: 30890 Barsinghausen

Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Reinhard Nitze » 15. Feb 2016, 23:16

Hallo alle zusammen,

letzten Sonnabend lag gemeinsam mit der Schulklasse meiner Tochter eine Wanderung zum Annaturm im Deister an. Der Deister ist ein kleiner Höhenzug ca 20 km südwestlich von Hannover und erreicht am Bröhn beim Annaturm mit 405 m ü. NN. seine größte Höhe. Startpunkt: Der Nienstedter Pass (277 m ü. NN.). Der eigentlich recht matschige Schotterparkplatz war deutlich übergefroren und überall funkelte der Reif. Bei strahlendem Sonnenschein ging es schließlich los. Doch kaum hatten wir den Parkplatz verlassen, bemerkte ich direkt neben dem Kammweg ein strahlendweißes, faseriges Gebilde. Auf dem ersten Blick sah es fast aus wie ein Stück abgescheerte nasse Schafswolle, aber schneeweiß. Sofort war mir klar, um was es sich handelte: Haareis!

Bild
Haareis, 1. Exemplar!

Ich kannte es bisher nur von Beschreibungen - und obwohl ich schon seit Jahren bei leichten Frostwetter danach Ausschau hielt, habe ich nie welches gefunden. Und nun fand ich es direkt am Weg, ohne danach zu suchen! Nach einem kurzen Hinweis auf das Phänomen erklärte ich es einigen Interessierten, machte einige Bilder, dann ging es langsam weiter, - zunehmend langsam, schließlich gaanz langsam, denn es tauchten immer mehr Äste auf, an denen mal mehr, mal weiniger Haareis zu finden war. Irgendwann, so nach dem ich etwa das 10. Haareisgebilde gefunden hatte, begann ich grob zu zählen. Irgendwann bei 50 hörte ich wieder auf - sinnlos, zu viel! Es gab eine Stelle, da lagen bestimmt 20 Zweige und Äste mit Haareis herum - nicht immer gut ausgeprägt, aber manchmal auch ganz bizarre Gebilde!

Am Ende hatte ich bestimmt 'ne Stunde Verspätung am Annaturm. Es war schön, aber die Fernsicht war nicht ganz so gut, es gab eine deutliche Inversion mit ausgeprägter Dunstschicht, leider ohne Spiegelung, dafür ist unser Hausberg wohl in der Regel nicht hoch genug (Bei entsprechender Sicht reicht der Blick Richtung Osten bis zum Brocken, Richtung Westen etwa bis zur Porta Westfalica in NRW)

So, kommen wir nun zur Bilderflut:

Bild
Haareis, zum Teil mit aufgewachsenen Reifkristallen!

Bild
Langer, dünner (vermutlich) Lärchenzweig, mit Haareis umhüllt

Bild
Haareis sprengt verrottete Rind ab!

Bild
Haareis unter trockenen Lärchenzweigen

Bild
Regelrechtes "Engelshaar"...

Bild
Erinnert fast an ein seltenes Mineral...

Bild
Erinnert irgendwie an eine Lilie, - oder doch an einen Straußenfeder-Staubwedel??

Bild
Abgefallene Locke(n)...

Bild
Mit etwas grün...

Bild


Bild
Größenvergleich

Bild
Interessant hier ist der Farbverlauf der großen Haarflocke in der Mitte: oben Schneeweiß, nach unten grau. Dieser Farbverlauf ist Blickrichtungsabhängig und erinnert an das Mineral "Ulexit", auch Fernsehstein genannt -> vergleiche Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulexit

Noch folgende Fakten und Hintergründe:


Wetterbedingungen:

Am Sonnabend, dem Tag der Wanderung (ca. 10:00 Uhr MEZ) herrschten anfangs [/color]Temperaturen um die -2°C, langsam steigend. Gegen 13:00 wurden die 0° deutlich überschritten und kurze Zeit später war alles am Wegtauen. Am Freitag, also 1 Tag vorher, erreichten die Temperaturen nachmittags frühlingshafte 12°. Es war klar und in der Nacht zum Sonnabend fielen die Teperaturen in ungeschützten Lagen auf etwa -3°C, evtl. auch -4°C ab. Am nächsten Morgen verwiesen zugefrorene Pfütze und zahlreiche funkelnde Reifkristalle auf deutlichen Luftfrost.

Fundorte:

Am Deisterkammweg konnte ich das Haareis nur unter Lärchen finden, meist auf deutlich angerotteten dickeren Zweigen und Ästen, seltener auf dünneren Zweigen. Die meisten dieser Zweige und Aste lagen der Länge auf dem sehr feuchten Boden, leicht übergefrorenen Boden. Es ließ sich aber vereinzelt auch Haareis an stehenden Knüppeln bis in etwa 20cm Höhe entdecken. Aber das war die Ausnahme.

So, das soll's erstmal gewesen sein.

Viele Grüße, Reinhard!


Schnee, der heute fällt, ist morgen der Schnee von gestern...

Benutzeravatar
Torsten Serian Kallweit
Beiträge: 691
Registriert: 29. Aug 2005, 19:10
Wohnort: 53844 Troisdorf
Kontaktdaten:

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Torsten Serian Kallweit » 16. Feb 2016, 06:18

Tolle Bilder, Dankeschön fürs Zeigen!
„Ob Du denkst, Du kannst es, oder Du kannst es nicht :
Du wirst auf jeden Fall recht behalten.“ www.galerie-art21.de

Wolfgang Hinz
Moderator
Beiträge: 320
Registriert: 13. Jan 2004, 11:43
Wohnort: 08340 Schwarzenberg/Erzgebirge
Kontaktdaten:

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Wolfgang Hinz » 16. Feb 2016, 07:57

Hallo Reinhard,

Glückwunsch! Deine Beschreibung der Umstände wird mir bestimmt helfen, es auch einmal zu sehen!
Wer weiß, was es am Deister noch alles zu entdecken gibt. Ich erinnere an die "Besteigung" vor dem AKM-Treffen in Hannover. Unten war es grün und oben auf 400m Höhe tiefster Winter. Und es gab da noch die gemütliche Baude.

Wolfgang

Benutzeravatar
Elmar Schmidt
Beiträge: 2375
Registriert: 23. Feb 2010, 20:43
Wohnort: Bad Schönborn (8o39'51"O 49o13'21"N 130 m ü.N.N.)

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Elmar Schmidt » 16. Feb 2016, 08:49

Klasse Fotos, Reinhard,

müßten eigtl. gegen die bei Wikipedia ausgetauscht werden. Dort liest man auch, daß "unser" Alfred Wegener die Entstehung unter Beteiligung von Pilzmyzel schon 1918 richtig vermutete, es dann aber 90 Jahre bis zum endgültigen Beweis dauerte.

Interessant, daß so viel Wasser aus den Ästen geschoben wird, es sei denn der Löwenanteil käme aus der Luft. Sicher haben die Fasern wohl auch Lichtleiteigenschaften. Schätze mal, sie sind rund oder etwa nicht? Wie wohl die kristalline Feinstruktur ist? Um die zu untersuchen, bräuchte man halt eine Kältekammer.

Gruß, Elmar

Benutzeravatar
Michael Theusner
Beiträge: 1490
Registriert: 30. Jan 2004, 10:33
Kontaktdaten:

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Michael Theusner » 16. Feb 2016, 16:06

Hallo Reinhard,

sehr schöne Bilder! Das sieht ganz ähnlich dem aus, was ich am 2. Weihnachtstag 2014 dort auch fotografiert habe. Und zwar vom Stern Richtung Annaturm kommend auf der linken Seite. War das da? Jedenfalls waren dort damals viele und dicke Büschel Haareis.

Viele Grüße in meine alte Heimat!
Michael

Benutzeravatar
Reinhard Nitze
Beiträge: 986
Registriert: 15. Jan 2004, 18:09
Wohnort: 30890 Barsinghausen

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Reinhard Nitze » 16. Feb 2016, 19:35

Hallo an alle,

es freut mich sehr, dass Euch die Bilder gefallen.

@ Elmar:
Ja, mit der Vergrößerung hätte ich theoretisch dienen können. Hätte ich vorher gewusst, dass mich am Kammweg Haareis erwartet, hätte ich den Umkehrring mitsamt der anderen Ausrüstung mitgenommen. Wäre natürlich 'ne höllische Schlepperei geworden... - und zum Aussichtsturm hätte ich es dann wahrscheinlich gar nicht mehr geschafft... ;-)
Vielleicht gibt's ja noch ein nächstes Mal, momentan liegt allerdings Schnee im Deister.

@ Michael Theussner:
Das Haareis ließ sich auf der gesamten Strecke neben dem Kammweg zwischen Parkplatz am Nienstedter Pass und dem Annaturm finden. Einzige Vorraussetzung waren anscheinend die Lärchenbäume. Nur unter diesen fand sich das Haareis. Alle anderen weißen Flecken unter anderen Bäumen waren stets weggeworfene Papiertaschentücher. Das war (auf Distanz) die einzige Verwechslungsgefahr... :oops:

@ Wolfgang:
Viel Glück beim Suchen! Lärchen gibt es bestimmt in Eurer Region auch (?)! Die Zweige und Äste mit Haareis waren allesamt sehr morsch und die Eisfasern haben oft die Rinde abgesprengt. Großer Temperaturkontrast zischen Tag und Nacht scheinen vom Vorteil zu sein.

Viele Grüße, Reinhard!
Schnee, der heute fällt, ist morgen der Schnee von gestern...

Karl Kaiser
Beiträge: 906
Registriert: 9. Mär 2004, 08:33
Wohnort: Schlägl, Oberösterreich
Kontaktdaten:

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Karl Kaiser » 18. Feb 2016, 20:28

Hallo Reinhard,

da sind dir wunderbare Bilder gelungen! Herzliche Gratulation dazu!

Beste Grüße aus Schlägl von

Karl

Benutzeravatar
Helga Schöps
Beiträge: 1878
Registriert: 10. Jan 2004, 14:07
Wohnort: Steinen (Ba-Wü)

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Helga Schöps » 19. Feb 2016, 13:05

Hallo Reinhard,

ich habe ja nun schon mehrfach Haareis im Schwarzwald zu sehen bekommen und fotografiert. aber diese Aufnahmen sind echt spektakulär! Herzlichen Glückwunsch dazu! Ich weiß auch, wie man die Luft anhalten muss, um sich den Gebilden zu nähern, weil sie so filigran und damit berührungsempfindlich sind. Da ist es nicht immer leicht, Aufnahmen so aus der Nähe zu schießen.
Hut ab und großes Kompliment :wow: !!!

Beste Grüße
Helga

Benutzeravatar
Reinhard Nitze
Beiträge: 986
Registriert: 15. Jan 2004, 18:09
Wohnort: 30890 Barsinghausen

Re: Haareis als "Massenphänomen" im Deister, 13.02.16

Beitrag von Reinhard Nitze » 22. Feb 2016, 21:26

Hallo nochmal,

ich habe hier noch ein 3d-Bild (Kreuzblickmethode) eines der Haareisbüschel, ich glaube, das sieht noch ganz nett aus:



Bild

Viele Grüße, Reinhard!
Schnee, der heute fällt, ist morgen der Schnee von gestern...

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 25 Gäste