10 Stunden Korona! (langer) Bericht vom 01./02.10.-PL, beoba

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Torsten Kallweit

10 Stunden Korona! (langer) Bericht vom 01./02.10.-PL, beoba

Beitrag von Torsten Kallweit » 6. Okt 2002, 21:42

Bericht vom Polarlicht vom 01./02.10.2002, gesehen 60 km südlich von Östersund (Mittelschweden).

In der ersten Woche meines Schwedenaufenthaltes war auf der Sonne nix los, so daß ich bis auf ein leichtes Polarlicht nicht mit nächtlichen Himmelserscheinungen verwöhnt wurde. Dafür war das Wetter überwiegend sehr gut und wir (hatte mein Schatzi dabei) konnten von warmen Sonnenstrahlen beleuchtet einen wirklich wunderbaren , farbigen "Indian Summer" genießen, mit Böötchen auf’m See, Pilzen und zauberhaften Sonnenuntergängen, als Basis ein schnuckeliges, immer warmes, top eingerichtetes Häuschen. Immerhin gelangen mir beim ersten leichten PL meine ersten im See spiegelnde PL-Aufnahmen (wenn sie denn schön geworden sind...).

36 km von uns entfernt lag der Ort Svenstavik, etwas nördlich ein mitten im See liegender Berg, der "Hoverberget". Bei einem Tagesausflug stellte ich fest, daß man auf diesen Berg bis oben hin fahren kann und genau oben drauf......ein auch nachts jederzeit begehbarer Holzturm steht, der einem nach 1 min Aufstieg über alle Baumwipfel hinweg einen 360° Rundblick ermöglicht! "Das ist er!", dachte ich mir, "der optimale PL-Beobachtungsstandort bei völlig klarer Sicht!". Der schlanke, rot leuchtende Sendeturm in NNW konnte das auch nicht schmälern, und die kleinen Dörfer am Seerand mit ihren sanften, womöglich spiegelnden Lichtspielereien rückten den Standort auch als Fotostandort in absoluten Vordergrund.

Am 01.10. machten wir einen Tagestrip nach Östersund. Ein Blick in den Himmel verriet mir mittags (‘ne gute Zeit für den Beginn eines Tagestrips), daß es in ganz Mittelschweden völlig wolkenlos sein könnte, also nahm ich die Fotoutensilien incl. aller (sinnvoll, wie sich später rausstellte) 400er Provia-Filme mit, da unser Weg an besagtem Hoverberget vorbeiführte.
In Östersund befindet sich eine Bibliothek mit Internetzugang. Jou, dachte ich, schaust’ halt mal rein. Und dann der Hammer (16°° Uhr): KP6 die letzten 3 Stunden und inzwischen KP7 ; über uns mußte -noch im Hellen- das Polarlicht toben! Meine heitere Ausgelassenheit änderte sich in eine hibbelige Vorerwartung. Nach einer typisch Schwedischen Mahlzeit beim Chinesen ;-) ging es dann bei beginnendem Sonnenuntergang von Östersund nach Süden zum Hoverberget. Kein Mensch weit und breit, niemand will sich das (erwartete) Schauspiel von diesem Holzturm anschauen, nur wir! Völlig alleine steht das Auto vorm Turm als wärmende Rückzugsquelle.

20°° Uhr. Ankunft. Ich schaue in den Himmel und sehe: sich schnell ändernde, schlierenhafte Formen. Wolken? Nein, natürlich nicht, es ist 360° völlig wolkenfrei. Also: Nordlicht! Gerade erkennbar in der angefangenen Dämmerung. Direkt über uns, Koronastruktur. Ohne jede Hektik bringe ich die Fotoausrüstung zur Plattform (natürlich 360°, Treppe mittig) und genieße durch die langsam herein ziehende Dunkelheit die Kontraststeigereung des Polarlichtes. Es entpuppt sich schnell als ein breites, aktives Band (80°N - 80°S) von Ost nach West. Erste Dämmerungsfotos entstehen. Ob die Bilder von diesem Turm etwas werden, weiß ich nicht; es herrscht recht starker Wind, und der Turm vibriert beim Gehen leicht. Ob der Wind den Turm schwanken läßt, weiß ich nicht, merke jedoch nichts davon -also Hoffen bis zum Bilderabholen.......
Die Dämmerung weicht mehr und mehr der Dunkelheit und das PL nimmt visuell einen grünlichen Farbton an. Die koronahafte Aktivität direkt über uns nimmt ab und ändert sich in einen völlig homogenen grünen Bogen, der jetzt etwa 75° Richtung Süden steht. Erhaben leuchtet er von Ost nach West im Himmel. Es ist jetzt etwa 21°°Uhr. Die Temperatur sinkt in den Minusbereich, was ja nicht schlimm ist, wenn nur der Wind nicht so blasen würde
Es beginnt eine Aktivität im Norden in Form von immer wieder neuen Polarlichtbögen, die sanft oder prägnant strukturdurchsetzt vom Norden Richtung Zenit ziehen und dort erblassen. Es ist ständig eine leichte bis deutliche Koronastruktur sichtbar. Der grüne Bogen in 75° Süd ist aber jetzt nicht an dieser Struktur beteiligt. Die Bögen von Norden her bilden eine wunderbare Kulisse zu der sich teilweise im See (Storsjön) spiegelnden kleinen Dörferwelt an dessen Ufer und werden zahlreich abgelichtet. Manchmal erscheinen Strahlen, die recht hoch hinauf reichen, visuell bleiben sie -noch- nicht farbig erkennbar. Die Aktivität von Norden her reißt nicht ab; in unregelmäßigen Abständen erscheinen die Bögen und zieren den gesamten Nord (West-Ost-) Horizont.
Kurz nach 22°°Uhr ändert sich die Szenerie. Der grüne Bogen im Süden sinkt bis auf ca. 65° hinab und zeigt Aktivitäten tief im Osten. Dort löst er seine Homogenität auf und verwandelt sich in ein Strahlenmeer. Dieses Auflösen zieht nun langsam Richtung Zenit, ganz langsam. Noch weit bevor die Aktivität den Zenit erreicht, wachsen binnen 3, 4 min aus dem ganzen Bogen von Ost bis West ganz feine Strahlen Richtung Zenit, aber nicht dicht an dicht, sondern in regelmäßigen, aber größeren Abständen. Ein unglaublicher Anblick von Erhabenheit und Ehrfurcht entsteht. Hier endet die Fotografiermöglichkeit eines 35mm-Objektives völlig. Diese Erscheinung verbindet sich nun mit einem weiteren, vom Norden kommenden Bogen hin zu einer prägnanten, intensiv leuchtenden Korona (wie gesagt, leichte Koronaspuren waren die ganze Zeit schon zu sehen). Ich fotografiere links und rechts und nördlich und südlich, ohne den Hauch einer Chance, das, was ich da sehe, erfassen zu können. Und dann laß ich die Kamera stehen: Die Korona beginnt zu tanzen, genau über uns dreht und windet sie sich als möchte sie uns die Lebensfreude dieser Welt mit Licht zeigen; intensives Grün mischt sich mit scharfen Strahlen und Flächen von reinstem Rosa-Violett, - deutliche Schattenbildung - , die Bewegungen sind atemberaubend und machen ergriffen, sowohl mich als auch meinen Schatz, die zum ersten mal so richtiges kräftiges Polarlicht sieht (die beiden leichten PLs in den Tagen zuvor hat sie auch gesehen). Diese Darbietung dauert mind. 30 min, zieht mal etwas nach Ost, mal nach West. Dann erblaßt sie und hinterläßt eine weniger leuchtende Korona unglaublicher Größe mit immer noch prägnanten Formen und Strahlen. Die Aktivität vom Norden her (one Arc after the other....) ist weiterhim in vollem Gange. Mein Gott, wie oft habe ich nun schon die gleiche Kulisse (See mit leuchtenden Häuschen und PL-Bogen darüber) fotografiert? Macht nix, sieht immer anders aus!
23.30Uhr ist es jetzt. Schatzi hat den -15° Schlafsack aus dem Auto genommen und hüpft wie ein lieber Geist damit auf dem Turm rum. Ihr ist warm.......mir nicht ; der Wind ist unablässig am Blasen. Ein nordisches Leichtbier vermag mich auch nicht zu wärmen. Und dann, während die Polarlichter weiterhin nicht die Spur einer Ermüdung zeigen und sich mit der gerade aufgegangenem Mondsichel ein Stelldichein geben, beginnt es: alle prägnanten, aber nicht zur Hauptaktivität (nach wie vor die nördlichen Bogen) gehörenden Nordlichtspuren am fast gesamten Firmament beginnen zu Pulsieren.
Ich habe pulsierendes PL erst in Ansätze gesehen, das hier verschlägt mir nun den Atem. Für die, die noch nie pulsierendes PL gesehen haben, möchte ich es mal so beschreiben: stellt euch vor, ein Himmel voller koronaförmiger PL-Strahlen und Vorhängen über euch wären Wolken. Von diesen Wolken wären ca. 1/3 - ½ beleuchtet, ihr könntet sie also ständig sehen. Der Rest der (nicht beleuchteten, also nicht sichtbaren) Wolken p l u s die, die schon sichtbar sind, werden nun von hunderten, extrem starker (Disco-) Skybeamer, die sich schnell bewegen, wellenartig beleuchtet: die schon sichtbaren Strukturen werden heller, die nicht sichtbaren leuchten auf; Sekundenbruchteile lang. Und das unentwegt - ohne Pause. (für die Erfahrenen unter Euch: habt Ihr pulsierendes Polarlicht auch so wahrgenommen?).

Das ganze nimmt kein Ende: immer weitere vom Norden kommende Bögen verschmelzen mit Teilen der pulsierenden Korona und ergeben immer neue Formen und neue Displays. An manchen Stellen taucht - endlich - Rot auf. Mischt sich mit Grün zu Orange und Gelb, lange Strahlen schießen in den Himmel, die Aktivität geht bis auf ca. 55° südlich. Immer wieder lebt die pulsierende Korona auf, leuchtet hell und zelebriert sich selbst, das es nur so eine Wonne ist.
.................
Irgendwann gegen drei Uhr -schon eine halbe Stunde gab es keine Schattenbildung mehr- zogen von Westen ein paar ganz leichte Nebelbänke auf. Die stetig von Norden kommenden Bänder interessierte das nicht, sie hüpften und waberten weiter fröhlich einher. Meine Finger vermochten kaum noch unter 5 min einen Film zu wechseln und in den vergangenen 7 Stunden habe ich mich 2 mal vom Turm runter gewagt um mich für 5 min aufzuwärmen (Im Auto). In einer vermeintlichen PL-Pause entschloß ich mich dann, zu unserer Hütte im 40 km entfernten Baksjöbodarna zurückzufahren. Und die Korona über uns pulsierte und pulsierte....
Die Hauptaktivität lag jetzt im Westen.
Wir kamen sagenhafte 4 km weit, da mußte ich bereits einen hell leuchtenden PL-Girlandenbogen über einem Nadelwald fotografieren.
Danach verlief unsere Route Richtung Westen, die östliche Aktivität konnte ich jetzt nicht mehr so recht sehen (da im Rücken) und fuhr so mich auf die wärmenden Pusteöffnungen der autoheimischen Heizung konzentrierend zu unserem Häuschen zurück.
Dort angekommen (ca. 3.45 Uhr) versank mein Schätzchen ins Bett während ich nun wieder völlig aufgewärmt in PL-Beobachtungshaltung verfiel.
Toll, kaum angekommen zauberten die (immer noch) vom Norden kommenden Bänder mit einem Zenitband die wundersamsten Displays. Was nicht von der jetzigen Hauptaktivität betroffen war, pulsierte immer noch fröhlich daher. Und wieder zeigten sich Vorhänge; intensivste Strahlen- und Wabergebilde verwandelten unsere Seenlandschaft mit den leichten Anhöhen in eine fremde Welt. Und dort, Nord-Ost, wieder rosa-grüne Schnellbewegungen, unmöglich auf Film festzuhalten.
Durch die nahe Basis unseres warm beheizten Häuschens war es mir möglich, diese Aktivitäten alle weiterhin zu genießen. In der Erwartung, daß das PL nun langsam zum Ende kommt, wollte ich die letzten Aktivitäten 50m vom Haus entfernt beobachten.
5°° Uhr morgens, immer noch absolute Dunkelheit. Nach einer Pause in der Hütte war ich wieder beim Stativ; irgend etwas war anders.......dann merkte ich es: das Pulsieren hörte langsam auf. Nicht aber das Polarlicht. Auf einmal änderten sich die großräumigen Displays hin zu einzelnen Strahlen. Die aber gingen wahnsinnig hoch. Ganz langsam, fast unmerklich, veränderte sich die Szenerie, und dann fiel es mir auf: man, das ist ja gar nicht mehr grün, da sehe ich doch rosa! Lange Strahlen schickte das PL nun in den Himmel. Unten grün, dann rosa oder rot.
Das hielt aber nicht lange -es war immer noch dunkel- da passierte es, mein Traum wurde wahr: die Strahlen - jetzt einzeln - waren plötzlich visuell blau-violett! Sichtbares Blau, ich fasse es nicht, erst einmal ganz kurz in Island gesehen, durfte ich hier nun blaues Polarlicht bewundern. Einmal war es blau, ein anderer Strahl blauvioltt. .....Und was ist das?: Über mir formte sich eine kleine Korone, aber nicht farblos, nicht grün; nein, himmelblau strahlte sie vom Firmament. Vollkommen sprachlos und voller Andacht beobachtete ich, wie sich im Nord-Westen immer wieder neue blau (-violette) Strahlen bildeten und langsam zur Korone hinzogen. Manche Strahlen schienen unten auch noch grün zu sein. Und war da nicht auch noch ein Rot zwischendrin? Ich weiß es nicht; die Fotos müssen es mir in Erinnerung bringen. Kurzzeitig erinnerte mich das Display an Falck-Ytter S. 142 (der blaue Flügel), Auflage 1982.
Kurz vor 6 war es inzwischen, Müdigkeit und Kälte wünschten sich mich ins Bett, aber das Polarlicht wollte das nicht. Immer wieder schickte der Himmel blaue Strahlen, und ich kam nicht umhin, dieses seltene Ereignis durch meine Aufmerksamkeit zu würdigen. Dann wurde es langsam dämmrig und immer dämmriger. Über mir immer noch: Korona und blaue Strahlen. Bei einer gewissen Helligkeit ließ die Sichtbarkeit langsam nach. Ich schoß ein letztes Foto; ging ins Haus. Was war das? Schon wieder eine Helligkeitssteigereung des blauen PL. Also noch ein allerletztes Foto. Im Haus genoß ich die Wärme, im Osten waren längst keine Sterne mehr sichtbar und im Westen? Mensch, schon wieder ein immer noch sichtbarer blauer Strahl! Ich schoß ein letztes Foto.......
Dann ins Bad und nochmal geschaut: nun hatte die Helligkeit gewonnen; die Dämmerung war da, Sterne und Nordlicht verschwunden.
Als ich nachmittags um 14°° Uhr aufwachte und nach draußen schaute, war alles so surreal, so wahnsinnig weit weg. 17 Filme habe ich verschossen (Rekord, in Sveg beim 28.2./01.03.2002 waren es 14) ; ich denke, sie werden mir die erlebte Nacht mit 10 Stunden Korona und phantastischen Formen und Farben ins Realbewußtsein zurückholen, ....wohl wissend, das das, was ich da erlebt habe, sich fotografisch nicht wirklich abbilden läßt.
Wenn ich demnächst hier im Forum wieder Bilder veröffentliche (bei mir dauert das wie immer etwas länger), dann hoffe ich (wenn denn die Bilder was geworden sind) daß sie die ein oder andere Person, die noch nie oder wenig Polarlichter gesehen hat, vielleicht animieren können einmal einen "Indian Summer" in Schweden zu verbringen. Nähere Infos zu der Hütte oder zu Polarlicht-Seesighting-Ferien in Schweden gebe ich gerne.
In Erwartung demnächst tolle Bilder hier veröffentlichen zu können wünsche ich allen Lesern dieses Berichtes eine schöne Zeit.

Liebe Grüße

Torsten Kallweit

P.S.: In der Nacht vom 04.-05.10. war leider bewölkt, sonst hätte ich die restlichen 5 Filme sicherlich mit Leichtigkeit vollmachen können!

Torsten Kallweit

Berichtigung: muß heißen:...unsere Route Richtung Osten, die

Beitrag von Torsten Kallweit » 6. Okt 2002, 22:01

Berichtigung: muß heißen:...unsere Route Richtung Osten, die w e s tlichen Aktivitäten... *o.T.*

Uwe Mueller

Re: 10 Stunden Korona! (langer) Bericht vom 01./02.10.-PL, b

Beitrag von Uwe Mueller » 6. Okt 2002, 22:42

Hallo Torsten,
man ist das ein wunderbarer Bericht! Da bekommt man ja richtig Gänsepelle. Ich bin wahnsinnig auf Deine Bilder gespannt.
Ich freue mich nun noch mehr auf meinen Finlandurlaub. Naechstes Jahr, zwar im Februar, geht es für 7 Tage nach Saariselkä.
Vielen Dank noch mal für diese Bericht.

Gruß aus dem beinahe klaren Frankfurt Oder
Uwe


Heiko

super Bericht ! - ich bin auf die Fotos gespannt ! *o.T.*

Beitrag von Heiko » 7. Okt 2002, 04:53

super Bericht ! - ich bin auf die Fotos gespannt ! *o.T.*

Thorsten Falke (Helgoland)

Hervorragend geschrieben! Spannend wie ein gutes Buch. *o.T.

Beitrag von Thorsten Falke (Helgoland) » 7. Okt 2002, 05:36

Hervorragend geschrieben! Spannend wie ein gutes Buch. *o.T.*

Rainer Timm

schöner Bericht "Gänsehaut"

Beitrag von Rainer Timm » 7. Okt 2002, 07:29

schöner Bericht "Gänsehaut"

Thomas Sävert

Genial! Bin auch sehr gespannt auf die Bilder! *oT*

Beitrag von Thomas Sävert » 7. Okt 2002, 08:36

Genial! Bin auch sehr gespannt auf die Bilder! *oT*

lutz schenk

Wahnsinn !!!

Beitrag von lutz schenk » 8. Okt 2002, 21:07

Toller Bericht Torsten !

Da läuft einem ja beim Lesen ein Schauer über den Rücken...

Ich muss unbedingt mal nach Skandinavien !!!

Gruß Lutz

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