letzten Sonnabend lag gemeinsam mit der Schulklasse meiner Tochter eine Wanderung zum Annaturm im Deister an. Der Deister ist ein kleiner Höhenzug ca 20 km südwestlich von Hannover und erreicht am Bröhn beim Annaturm mit 405 m ü. NN. seine größte Höhe. Startpunkt: Der Nienstedter Pass (277 m ü. NN.). Der eigentlich recht matschige Schotterparkplatz war deutlich übergefroren und überall funkelte der Reif. Bei strahlendem Sonnenschein ging es schließlich los. Doch kaum hatten wir den Parkplatz verlassen, bemerkte ich direkt neben dem Kammweg ein strahlendweißes, faseriges Gebilde. Auf dem ersten Blick sah es fast aus wie ein Stück abgescheerte nasse Schafswolle, aber schneeweiß. Sofort war mir klar, um was es sich handelte: Haareis!

Haareis, 1. Exemplar!
Ich kannte es bisher nur von Beschreibungen - und obwohl ich schon seit Jahren bei leichten Frostwetter danach Ausschau hielt, habe ich nie welches gefunden. Und nun fand ich es direkt am Weg, ohne danach zu suchen! Nach einem kurzen Hinweis auf das Phänomen erklärte ich es einigen Interessierten, machte einige Bilder, dann ging es langsam weiter, - zunehmend langsam, schließlich gaanz langsam, denn es tauchten immer mehr Äste auf, an denen mal mehr, mal weiniger Haareis zu finden war. Irgendwann, so nach dem ich etwa das 10. Haareisgebilde gefunden hatte, begann ich grob zu zählen. Irgendwann bei 50 hörte ich wieder auf - sinnlos, zu viel! Es gab eine Stelle, da lagen bestimmt 20 Zweige und Äste mit Haareis herum - nicht immer gut ausgeprägt, aber manchmal auch ganz bizarre Gebilde!
Am Ende hatte ich bestimmt 'ne Stunde Verspätung am Annaturm. Es war schön, aber die Fernsicht war nicht ganz so gut, es gab eine deutliche Inversion mit ausgeprägter Dunstschicht, leider ohne Spiegelung, dafür ist unser Hausberg wohl in der Regel nicht hoch genug (Bei entsprechender Sicht reicht der Blick Richtung Osten bis zum Brocken, Richtung Westen etwa bis zur Porta Westfalica in NRW)
So, kommen wir nun zur Bilderflut:

Haareis, zum Teil mit aufgewachsenen Reifkristallen!

Langer, dünner (vermutlich) Lärchenzweig, mit Haareis umhüllt

Haareis sprengt verrottete Rind ab!

Haareis unter trockenen Lärchenzweigen

Regelrechtes "Engelshaar"...

Erinnert fast an ein seltenes Mineral...

Erinnert irgendwie an eine Lilie, - oder doch an einen Straußenfeder-Staubwedel??

Abgefallene Locke(n)...

Mit etwas grün...


Größenvergleich

Interessant hier ist der Farbverlauf der großen Haarflocke in der Mitte: oben Schneeweiß, nach unten grau. Dieser Farbverlauf ist Blickrichtungsabhängig und erinnert an das Mineral "Ulexit", auch Fernsehstein genannt -> vergleiche Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulexit
Noch folgende Fakten und Hintergründe:
Wetterbedingungen:
Am Sonnabend, dem Tag der Wanderung (ca. 10:00 Uhr MEZ) herrschten anfangs [/color]Temperaturen um die -2°C, langsam steigend. Gegen 13:00 wurden die 0° deutlich überschritten und kurze Zeit später war alles am Wegtauen. Am Freitag, also 1 Tag vorher, erreichten die Temperaturen nachmittags frühlingshafte 12°. Es war klar und in der Nacht zum Sonnabend fielen die Teperaturen in ungeschützten Lagen auf etwa -3°C, evtl. auch -4°C ab. Am nächsten Morgen verwiesen zugefrorene Pfütze und zahlreiche funkelnde Reifkristalle auf deutlichen Luftfrost.
Fundorte:
Am Deisterkammweg konnte ich das Haareis nur unter Lärchen finden, meist auf deutlich angerotteten dickeren Zweigen und Ästen, seltener auf dünneren Zweigen. Die meisten dieser Zweige und Aste lagen der Länge auf dem sehr feuchten Boden, leicht übergefrorenen Boden. Es ließ sich aber vereinzelt auch Haareis an stehenden Knüppeln bis in etwa 20cm Höhe entdecken. Aber das war die Ausnahme.
So, das soll's erstmal gewesen sein.
Viele Grüße, Reinhard!
